Chocolat

Ein märchenhafter Roman um die unwiderstehliche Verführungskraft von Schokolade – Verfilmt mit Juliette Binoche und Johnny Depp

Chocolat(tik). „Knusper, knusper, knäuschen, wer knuspert an mei’m Häuschen?“ Wer erinnert sich nicht an diesen „Schocker“ aus frühen Kindertagen, an die arglosen Geschwister Hänsel und Gretel, die von der bösen Hexe mit allerlei süßen Leckereien verführt wurden, um schließlich selbst im Kochtopf zu landen? Natürlich, sagen wir heute, nur ein Märchen. Doch man kann, wie Autorin Joanne Harris in ihrem Roman „Chocolat“ beweist, das Märchen auch einmal umdrehen. Was dabei herauskommt, ist nicht nur sehr aktuell, sondern hat auch nichts von seiner märchenhaften Verführungskraft eingebüßt.

Es war einmal eine junge Frau mit Namen Vianne Rocher, die zog mit ihrer Tochter Anouk durch die Lande, um sich dort eine Weile niederzulassen, wo der Wind sie hintrug. So könnte der Roman auch beginnen. Diesmal halten die beiden es für angemessen, ihr Quartier vorerst in dem kleinen französischen Städtchen Lansquenet-sous-Tannes zu errichten. Hier ist es genauso gut oder schlecht wie überall sonst, außerdem verbreitet der Karnevalsumzug eine angenehme Atmosphäre. Also richtet die Hexe, um bei obigem Vergleich zu bleiben, mitten in der Stadt gegenüber der Kirche ihr Knusperhäuschen ein. Vianne Rocher eröffnet einen Laden ausschließlich für Schokolade und Schokoladenprodukte, und der süße Verführungsreigen kann beginnen.

Anfangs verirren sich nur vereinzelt arglose Menschen in das Geschäft, die entweder den teuflischen Reizen nicht widerstehen können oder ohnehin nichts mehr zu verlieren haben. Doch, siehe da, die alte Hexe entpuppt sich als freundliche junge Frau, die es noch dazu versteht, ihren Kunden die größten Wünsche von den Augen abzulesen. Einzig Pater Reynaud bleibt (fast) bis zum Schluss standhaft und wettert gegen das sündige Schokoladenhaus direkt vor seiner Kirche und die dort feilgebotenen sinnlichen Genüsse. Als wäre solcher Frevel nicht schon genug, handelt es sich bei Vianne Rocher auch noch um eine Vagabundin, eine Fremde mit unehelichem Kind, die auch sonst nicht viel von kirchlichen Moralvorstellungen hält. Der Kampf gegen die Hexe wird zur Obsession. Unterdessen bringt eben diese die verkrusteten Strukturen der kleinstädtischen Gesellschaft gehörig durcheinander. Mit Offenheit, Toleranz und viel, viel Schokolade gewinnt sie die Herzen der Menschen und hilft all jenen, die selbst am Rande der fest gefügten Ordnung in Lansquenet-sous-Tannes stehen.

Joanne Harris ist mit „Chocolat“ nicht nur eine romantische Geschichte, aus dem Englischen von Charlotte Breuer übersetzt, über das Verführen und Verführt-werden gelungen, sie liefert auch ein handfestes Plädoyer gegen Fremdenhass und Vorurteile. Das Wichtigste ist, nicht nur für eine Schokoladenverkäuferin, sich in andere hineinzuversetzen und tolerant mit fremdartigen Lebensentwürfen umzugehen. „Ich glaube“, sagt Vianne Rocher an einer Stelle, „das einzige, was zählt, ist, dass man glücklich und zufrieden ist (…). Glück. So simpel wie eine Tasse Schokolade oder so kompliziert wie das Herz. Bitter. Süß. Lebendig.“ Das Buch wurde unter dem gleichnamigen Titel mit Juliette Binoche und Johnny Depp verfilmt.

Die Welt mit den Augen anderer zu sehen, ist oft unerlässlich, um glücklich zu werden, sie mit den Augen der bösen Hexe von einst zu sehen, noch dazu ein unerwartet süßes Vergnügen!

Autorenportrait:
Joanne Harris, geboren 1964, studierte Französisch und Deutsch am St. Catherine’s College in Cambridge. Sie lebt mit ihrer Familie in Barnsley, Yorkshire, wo sie an einem Gymnasium Französisch unterrichtet. Sie kennt Frankreichs Landschaften, über die sie schreibt, aus ihrer Kindheit und von vielen Verwandtenbesuchen und Reisen.

Chocolat

Joanne Harris
Chocolat

Aus dem Englischen von Charlotte Breuer
Ullstein Verlag, München
ISBN 3-548-25244-3
6. Auflage, 333 Seiten, Taschenbuch.
Unverbindliche Preisangabe: € 7,95 (D) / € k. A. (A) / sFr k. A.

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