Bittersüße Schokolade
Mexikanischer Roman um Liebe, Kochrezepte und bewährte Hausmittel
in monatlichen Fortsetzungen
(jaf).
Es ist ein Buch, so überbordend und reich an Leben wie ein prachtvolles
Barock-Gemälde. „Der heiße Kochdunst vermischte sich mit
der Hitze ihres Körpers“, heißt es mit ungestümer
Bildgewaltigkeit, „der Zorn, den Tita in sich aufsteigen spürte,
zeigte die gleiche Wirkung wie die Hefe im Brotteig. Sie merkte, wie er in ihr
aufwallte und bis in die letzten Winkel ihres kaum noch Widerstand leistenden
Körpers vordrang und nicht anders als Hefe in einem zu kleinen Gefäß
anschwoll, bis er aus Ohren, Nase und jeder einzelnen Pore des Körpers
entwich“. Kein Wunder also, dass „Bittersüße Schokolade“,
der Erstlingserfolg der mexikanischen Autorin Laura Esquivel, im Jahre 1991
mit großem Erfolg verfilmt wurde, läuft die Geschichte doch schon
beim Lesen durch die Sprachkraft wie ein opulentes Mahl der Fantasie bildhaft
vor dem geistigen Auge ab.
Die Handlung des Werkes, die im revolutionären Mexiko des Jahres 1910 einsetzt und sich über einen Zeitraum von 22 Jahren erstreckt, ist dabei schnell erzählt: Tita, gerade einmal 17 Jahre alt, lernt Pedro kennen. Für beide ist es leidenschaftliche, abgründig tiefe Liebe auf den ersten Blick; doch so glücklich die Liaison sein könnte, so tragisch ist doch ihr Verlauf, da Tita durch ein ungeschriebenes Familiengesetz verpflichtet ist, als jüngste Tochter der Mutter unverheiratet bis zu deren Tode zur Seite zu stehen. Pedro heiratet daraufhin Titas Schwester, um sich in ständiger Nähe zu seiner so unerfüllt geliebten Tita, die nunmehr eine Zukunft als geschäftiges Hausmädchen auf der mütterlichen Farm zu fristen hat, zu wähnen. Von dieser Lebenstragödie erzählen nun die knapp 300 Seiten des Romans „Bittersüße Schokolade“, aus dem Spanischen von Petra Strien übersetzt.
Doch reizvoller als die Geschichte selbst, die bis zum Ende nicht ihrer angelegten Tragik entsagt, ist die undurchdringlich dicht gewobene Atmosphäre. In erster Linie ist das auf die ständige Präsenz lukullischer Genüsse zurückzuführen: Tita hat die Küche zu ihrem Reich gewonnen, und das schon seit jenem Tag, als sie eben dort auch das Licht der Welt erblickte. „So geschah es, dass (...) Tita Hals über Kopf auf die Welt kam, und zwar mitten auf dem Küchentisch, eingehüllt in den Duft von Nudelsuppe, die gerade auf dem Herd kochte, von Thymian, Lorbeer, Koreander, siedender Milch, Knoblauch und (...) Zwiebeln“. Tita und ihr Küchenkosmos verwachsen zu einer untrennbaren Einheit; ihrer großen Liebe muss sie entsagen, doch in der Kunst des Kochens findet sie einen die Möglichkeit des Ausgleichs.
Da stört die Ungewöhnlichkeit nicht, dass die Kapitel fast durchweg mit detaillierten Rezepten für allerlei Ausgefallenheiten wie „Puter und Mole mit Mandeln und Sesamsamen“, „Wachteln in Rosenblättern“, „Gefüllte grüne Pfefferschoten in Walnusssauce“ oder eben auch jene allzu köstliche „Heiße Schokolade“ aus gerösteten Kaffeebohnen beginnen; das Essen wird zum Spiegel einer von Empfindsamkeit bis zum Rande gefüllten Seele.
„Bittersüße Schokolade“ ist ein außergewöhnliches Werk, das eine tragische Geschichte um ausnehmende Frauenfiguren herum webt. Sie ist verpackt in herrliche Poesie und gewürzt mit einer reichlichen Prise an Skurrilität. Von der ersten Seite an fesselt das Buch mit seiner schieren Lebenskraft und den plastisch konstruierten Charakteren. Kein Zweifel also: „Bittersüße Schokolade“ sollte man sich ganz genussvoll auf der Zunge zergehen lassen!
Autorenportrait:
Laura Esquivel wurde 1950 in Mexiko-Stadt geboren. „Bittersüße Schokolade“ ist ihr erster Roman. Er wurde zu einem großen Überraschungserfolg in ihrem Heimatland und ist inzwischen ein internationaler Bestseller geworden. 1991 wurde „Bittersüße Schokolade“ von Alfonso Arau verfilmt.
© Copyright by: Public Dialog Hamburg