Augenweide
Der Garten der Gärten
(pr). „Sind die Gärten Schatten, die der Paradiesgarten auf die Erde wirft?“ Diese Frage am Anfang könnte man exemplarisch als eine Thematik des Bildbandes „Augenweide Der Garten der Gärten“ ansehen. Auch wenn die Autoren sich nicht genau festlegen, soll es hier einmal erlaubt sein, der überschwänglichen Fülle an Material, welches André Heller und Julia Kospach zusammengetragen haben, ein Leitmotiv abzuringen. Der Garten als ein kleines Stückchen des verlorenen Paradieses auf Erden, in dem sich der Mensch aus seiner Vorstellungskraft eben dieses zurückholen will, sei es als Gärtner, Künstler oder Spaziergänger, hat schon immer Menschen, je nach kulturellem Umfeld, zu Kreativität und Gestaltungsfreude animiert.
Davon kann sich der Leser auf knapp 400 Seiten selber überzeugen, wenn er sich mit der am Anfang etwas irreführenden Vielfalt an unterschiedlichen Darstellungsmöglichkeiten, von denen die Autoren regen Gebrauch machen, angefreundet hat und sich nicht daran stört, dass auf einer Fotografie eines französischen Barockgartens ein Teppichentwurf von Henri Matisse folgt. Denn nach einer thematischen oder chronologischen Einordnung sucht man hier vergebens. Es ist aber auch nicht so, dass die Abbildungen zusammenhanglos aufeinander folgen. Die Gestaltung des Bildbandes orientiert sich vielmehr an bewusst nebeneinander gesetzten Bildfolgen, die bei genauerer Betrachtung eine bestimmte Stimmung oder Atmosphäre hervorrufen, die bei jedem natürlich unterschiedlich sein kann. Der Leser wird aufgefordert, sich auf seine eigene, individuelle Wanderung durch die Gärten einzulassen, um eher der Intuition, als den Seitenzahlen zu folgen.
Dabei stößt der Leser bei seiner Entdeckungstour auf Fotografien berühmter Beispiele hervorragender Gartenkunst, wie die streng geometrisch angelegten Barockgärten von Versailles oder Schloss Sanssouci, die klassischen Landschaftsgärten aus England mit ihren Tempeln, Kaskaden und Veduten, aber auch weniger bekannte Gärten aus Japan, Marokko, Indien und Japan. Dabei wechseln sich neben doppelseitigen Großaufnahmen sorgsam ausgesuchte Detailaufnahmen ab, welche die groß angelegten Gärten aus ungewöhnlichen Perspektiven zeigen und dem Bildband eine persönliche, subjektiven Note verleihen, als wäre man bei seiner Wanderung wie zufällig auf diese gestoßen.
Neben der klassischen Gartenkunst gibt es auch zahlreiche Abbildungen, die Künstlergärten und deren Gartenkunstwerke zeigen, als Beispiele seien hier Daniel Spoerri und Niki de Saint Phalle genannt. Zwischen den Fotografien, welche den Hauptanteil des Buches ausmachen, bieten Gemälde und Zeichnungen, Aquarelle und Grafiken dem Auge eine willkommene Abwechslung und fordern zum genaueren Betrachten auf, da sich oftmals erst auf den zweiten Blick ein Zusammenhang zwischen Fotografie und Bild erschließt.
Ganz auf einen Text scheinen die Autoren auch nicht verzichten zu wollen: Neben einer Vorbemerkung von André Heller, die sehr persönlich geschrieben ist und unter anderem auch das Paradies thematisiert, folgt ein etwas längerer Text von Julia Kospach, welche den Entstehungsprozess eines Gartens mit dem eines Gedichtes vergleicht: „Am Anfang ist ein Garten nicht mehr als ein Raum voller Ideen und Träume.“
Die Texte der Autoren grenzen sich weder optisch noch inhaltlich vom Bildband ab, sie stehen weder am Anfang, noch am Ende, sondern irgendwo zwischen den Abbildungen, wodurch betont wird, dass der Inhalt der Texte auf den Charakter des Bildbandes eine unterstützende Wirkung hat und sich in dem als „Gesamtkunstwerk“ verstandenen Band harmonisch einfügt. Als letzte Abbildung steht ein Ölgemälde von Hieronymus Bosch, welches die Vertreibung Adam und Evas aus dem Paradies zeigt und dem Spazierenden unmissverständlich klarmacht, dass er am Ende seiner Wanderung angelangt ist und das „kleine Stückchen Paradies“ wieder verlassen muss.
Mit dem Bildband „Augenweide“ kommen nicht nur Gartenliebhaber und Kunstinteressierte auf ihre Kosten, sondern auch all jene, die den Mut haben, sich auf einen ganz und gar nicht gewöhnlichen Bildband einzulassen und die schöne und intelligent zusammengestellte Fotografien und Bilder zu schätzen wissen!
Autorenportrait:
Julia Kospach, 33, leitet das Literaturressort des Nachrichtenmagazins „profil“
und arbeitet als Rezensentin. Im Wiener „Universum Magazin“ erscheint
ihre Kolumne „Notizen aus einem Dachgarten Eden“.
André Heller, 1947 in Wien geboren, zählt zu den erfolgreichsten
Medienkünstlern der Welt. Seine Realisationen umfassen Gartenkunstwerke,
die Erneuerung von Zirkus und Varieté, Filme, Feuerspektakel sowie Theaterstücke
und Shows. Er lebt in Wien, am Gardasee und auf Reisen. An den Bildbänden
„André
Heller – Bilderleben“ und „Zu
Gast bei André Heller“ war er ebenfalls beteiligt.
© Copyright by: Public Dialog Hamburg