Als die Gondolieri schwiegen

Eine Geschichte aus Venedig

Als die Gondolieri schwiegen(sl). Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein Kinderbuch, aber es ist keines – es ist ein literarisches Kleinod voll von Poesie, mit bezaubernden Bildern und mit so viel Liebe und einer gesunden Portion Humor erzählt, dass einem das Herz aufgeht und man dieses Buch einfach in einem Rutsch durchlesen muss. Dass dieses kleine aber sehr feine Werk erst 20 Jahre nach seinem Erscheinen in den USA erstmals auf Deutsch erscheint, ist daher kaum zu glauben.

William Goldman alias S. Morgenstern erzählt in wunderbar leicht beschwingter Sprache, aus dem Amerikanischen hervorragend von Klaus Modick übersetzt, „Eine Geschichte aus Venedig“: Luigi ist ein ganz besonderer Gondolieri und stammt aus einer venezianischen Gondolierifamilie. Er droht diese in Verruf zu bringen, weil er zwar mit einem unglaublichen Talent, was das Steuern der Gondel angeht, ausgestattet ist und die elegantesten Kurven fahren kann, doch bei einem anderen Talent leider leer ausging: Er kann einfach nicht singen. Luigi ist tontaub, das heißt, er war nicht in der Lage, unterschiedliche Tonhöhen zu hören. Seine Stimme ist so grauenhaft, dass Männer ihn mit Müll bewerfen, Frauen Kopfschmerzen bekommen und Kindern schlecht wird. „Er hatte keine Ahnung, ob er einen Ton höher oder tiefer sang als den vorhergehenden. Das allein reicht jedoch nicht aus, um die Reaktionen zu erklären, die seine gesanglichen Bemühungen auslösten. Luigi verfügte nämlich auch über eine enorm kräftige Stimme. Mit der Kombination von fehlender Tontreue und dröhnender Lautstärke produzierte Luigi einen überaus ungewöhnlichen Sound. Wenn er beim Singen die Stimme hob, wünschte sich der Zuhörer weniger in Ohnmacht zu fallen, als vielmehr das Weite zu suchen. Wenn Luigi sang, bekam man sofort Kopfschmerzen. Dafür gibt es medizinische Gründe, die ich jetzt ausbreiten könnte, aber was soll’s. Tatsachen sind nun mal Tatsachen. Heutzutage, in unserer medienorientierten Epoche, hätten die Leute von Bayer-Aspirin Luigi wahrscheinlich unter Vertrag genommen und ihn für Fernsehwerbung eingesetzt.“

Doch ein venezianischer Gondolieri muss ebenso gut singen wie Gondelfahren können, denn schließlich bezahlen die Touristen nicht für einen stummen Gondolieri, sondern für einen Singenden. Und so nimmt das Schicksal seinen Lauf: Luigi singt, die Touristen flüchten, er verliert seinen Liegeplatz vor dem Hotel und schließlich verlässt ihn auch noch die Frau, die er seit seiner Kindheit liebt. Stumm dreht er nachts seine Kurven auf dem Canal Grande und spült tagsüber in der Taverne der Gondoliere die Biergläser. Nur ein Ziel verliert er nie aus den Augen: Er möchte singen können.

So verlässt Luigi eines Tages Venedig, um in Rom Gesang zu studieren. Doch die Gesanglehrer raufen sich die Haare und bieten ihm Geld an, wenn er verspricht, nie wieder zu kommen. Schließlich findet er in Neapel einen sehr alten Gesanglehrer, der sich seiner annimmt. Luigi bekommt eine Gesangsausbildung und kehrt nach Jahren stolz nach Venedig zurück. Was Luigi aber in seinem Eifer nicht wahrhaben wollte, ist die Tatsache, dass sein Gesangslehrer nicht nur uralt, sondern auch taub war – und der Leser ahnt, was kommen muss: Luigi landet nach seiner ersten Gondelfahrt wieder bei den Biergläsern in der Taverne der Gondolieri. Doch der liebenswürdige Luigi, der sich nichts sehnlicher wünscht, als einmal aus voller Kehle auf dem Canale Grande singen zu können, soll seine Chance während eines dramatischen Unglücks bekommen… .

William Goldman hat einen Stil, dem man sogleich verfällt. Seine augenzwinkernden Anmerkungen lassen den Leser immer wieder vor Freude glucksen. Es kommt einem so vor, als würde man neben ihm auf den Stufen des Marcus Platzes am Canale Grande sitzen und der Erzählung eines guten Freundes lauschen, während die Wellen sanft an die schwarzen Gondeln schlagen. Am Zauber dieses Märchens, das eben doch keines ist, ist auch Illustrator Jens Rassmus beteiligt: Fast bedauert man, dass nicht mehr seiner liebevoll-witzigen Bilder in dem Buch vorhanden sind.

„Als die Gondolieri schwiegen“ ist eine Hommage an das Leben, und daran, niemals seine Ziele aus den Augen zu verlieren und wenn sie noch so aussichtslos scheinen. Es ist aber vor allem eine wunderschöne melancholische Liebeserklärung an Venedig, die in jeden Bücherschrank eines Menschen gehört, der jemals dem Charme dieser einzigartigen Stadt erlegen ist. So ein Buch gibt es nur einmal – versäumen Sie es nicht, es täte Ihnen leid!

Autorenportrait:
William Goldman wurde 1931 in Illinois, USA, geboren. Er hat sich als Schriftsteller und preisgekrönter Autor zahlreicher Drehbücher einen Namen gemacht.

Als die Gondolieri schwiegen

William Goldman alias S. Morgenstern
Als die Gondolieri schwiegen
Eine Geschichte aus Venedig
Mit Illustrationen von Jens Rassmus
Eichborn Verlag, Frankfurt am Main
ISBN 3-8218-0879-9
116 Seiten, durchgehend farbig illustriert, Hardcover gebunden.
Unverbindliche Preisangabe: € 14,95 (D) / € 15,40 (A) / sFr 26,90

Buch bestellen.

© Copyright by: Public Dialog Hamburg

www.literaturtipp.com

Impressum