Willy Brandt
1913-1992 – Visionär und Realist
(tmj).
Im Haus einer mir bekannten Wohngemeinschaft hing noch bis in die 80er Jahre
ein Fotoposter von Willy Brandt: Im Garten sitzend, vor dem blauen Jeanshemd
die Mandoline haltend, das Gesicht entspannt, eine Zigarette hing locker im
Mundwinkel. Ein Bild aus der Zeit, in der er nicht mehr Kanzler sein musste.
Ein ganz ähnliches Bild von Willy Brandt mit Mandoline findet sich im Buch
von Peter Merseburger, dort trägt er Anzug und Krawatte, neben ihm seine
Frau Rut, im Hintergrund ein Wohnzimmer mit dem Charme der 50er Jahre, vor ihm
liegt noch seine ganze politische Karriere.
Willy Brandt gehörte seit 1949 zunächst dem deutschen Bundestag an und wird von 1957 bis 1966 Regierender Bürgermeister von Berlin. Hierfür wurde er – man glaubt es kaum – von der Springer-Presse unterstützt. Die gleiche Presse wird später die meiste Zeit gegen ihn hetzen, ihn verleumden als vaterlandslosen Revoluzzer, als norwegischen Kommunist, ja selbst ein Konrad Adenauer spielt im Wahlkampf gegen Willy Brandt auf dessen uneheliche Herkunft an. Doch die Presse will auch etwas von Geheimdiensttätigkeiten und ständigen Liebesaffären wissen. Zwar kann Willy Brandt sich mitunter erfolgreich wehren, so wird ein leitender Redakteur des Berliner „Morgenecho“ nach vierjähriger Prozesszeit wegen Verleumdung zu einem Jahr Haft verurteilt, aber wie so viele Verleumdungskampagnen entwickeln sie eine Eigendynamik, der Willy Brandt nicht entkommt. Trotz des epochalen Wahlsieges 1969 holt diese feindliche Atmosphäre den schon bald amtsmüden Kanzler 1974 ein und trägt zu seinem Rücktritt bei.
Doch es folgte, was Peter Merseburger in seinem sehr liebevoll geschriebenen 15. Kapitel „Vierte Karriere: Comeback als „elder statesman“ nennt und Willy Brandts Lebensgeschichte zu einer mit „happy end“ macht. Unvergessen bleibt Willy Brandts Auftritt vor dem Brandenburger Tor, wo er ähnlich spontan wie bei seinem Kniefall in Polen die Worte prägt, dass „zusammenwächst, was zusammengehört“.
Peter Merseburger nähert sich der Person Willy Brandt mit der ihm typischen Ruhe, Akribie und Seriosität. Allein die Quellenangaben und Anmerkungen machen über 50 Seiten des dicken Buches aus, die Auswahlbiographie umfasst beinahe 100 Quellentexte. Leider fehlt eine Zeittafel mit den wichtigsten chronologischen Lebensdaten. Das Buch hat auch einige Längen, die einzelnen Kapitel sind ohne weitere Unterteilung oft weit über 50 Seiten lang. Es mag aber auch an der Persönlichkeit Willy Brandts liegen, dass seine Lebensgeschichte mitunter etwas spröde wirkt: So populär und menschlich nahbar er bei seinen öffentlichen Auftritten wirkte, so verschlossen und schwerfällig im Kontakt beschreibt ihn Peter Merseburger in den meisten anderen Lebenssituationen. Am spürbarsten wird die Person Willy Brandt in seinen schweren Krisen und in seinem Sterben, was jeweils sehr respektvoll und mit Wertschätzung beschrieben wird. Es ist dem Leser auch möglich, zunächst in den Kapiteln zu schmökern, die im Vergleich mit der eigenen Biographie interessant empfunden werden, was ja ein Reiz des Lesens von Biographien über Zeitgenossen ausmacht.
Über 90 Fotographien Willy Brandts von der Schule bis kurz vor seinem Tod geben den jeweiligen Kapiteln eine ergänzende Akzentuierung. Willy Brandt war schließlich auch ein Mann der Gesten: Man denke an seinen legendären Kniefall bei seinem Polenbesuch 1971 oder an die dezent beschwichtigenden Handbewegungen, mit denen er vor seinem Erfurter Hotel bei seinem ersten Staatsbesuch in der DDR die begeisterte Menge zur Zurückhaltung mahnte.
Zurück zum Anfangsbild: Das erwähnte Poster wurde irgendwann auch vom Zeitgeist überrollt, es hängt nicht mehr an der Wand im Haus der einstigen Wohngemeinschaft. Doch bei vielen Menschen ist ein inneres Bild voller tiefer Wertschätzung von Willy Brandt geblieben: Seit dem Tode Konrad Adenauers hat keine Beerdigung eines deutschen Politikers so viel Anteilnahme ausgelöst. Es hallte noch lange nach, was Felipe Gonzales seinem Freund Willy Brandt in der Trauerrede nachrief: „Adios amigo“.
Wer sich für Internes aus der deutschen Politik und für ein Jahrhundert deutscher und europäischer Geschichte interessiert, wird in dem gut recherchierten und in erster Linie mit Respekt geschriebenen Buch „Willy Brandt“ viele interessante Details finden.
Autorenportrait:
Peter Merseburger, geboren 1928 in Zeitz, studierte Germanistik, Geschichte und Soziologie. Er war 1960 bis 1965 Redakteur und Korrespondent beim Spiegel, moderierte ab 1967 das Fernsehmagazin „Panorama“ und war von 1969 an TV-Chefredakteur des NDR. 1977 wurde er ARD-Korrespondent und Studioleiter in Washington, 1982 in Ostberlin, 1987 bis 1991 in London. Peter Merseburger lebt heute als freier Publizist in Berlin und Südfrankreich.
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