Venedig
Literarische Intermezzi auf Brücken, Plätzen und Kanälen
(tos).
Venedig ist zweifelsohne der literarische Ort. Auf unzählige Schriftsteller
und Schriftstellerinnen übte Venedig eine starke Faszination aus. Warum?
„Venezianer und andere Italiener schreiben kaum über diese Stadt“,
weiß Autorin Judith Rüber. Die Lagunenstadt scheint ihren besonderen
Reiz nicht nur an die Reisenden zu versprühen, sondern ihren Ruf auch den
Besuchern zu verdanken. Doch hat sich das Bild von Venedig in der Literatur
gewandelt. Aus dem lebensfrohen Venedig wurde das Synonym für Vergänglichkeit
und Melancholie. Schuld daran: Thomas Mann. Doch zeichne seine Novelle vom „Tod
in Venedig“ keineswegs das Bild einer morbiden Stadt dies sei
im Ganzen ein Missverständnis, meint Judith Rüber. Die Venedigkennerin
liebt ihre Stadt und sie verteidigt sie gegen solche Klischees. Und in der Tat:
die Autorinnen und Autoren, die sie sprechen lässt, zeigen ein ganz unterschiedliches
Bild der Stadt: Wie leicht man sich in Venedig verirren kann, beschreiben Ian
McEwan, Cees Nooteboom und Ernest Hemingway. Die Enge der Stadt und der damit
verbundene Verlust der Privatsphäre ist das Thema Goldonis und Casanovas.
Inzwischen haben nicht nur zahlreiche Kriminalromane Venedig als Ort der Handlung
entdeckt, auch einige Jugendbücher spielen in der italienischen Stadt.
Zwischen den literarischen Impressionen geht Judith Rüber auf die Geschichte der Stadt vom mittelalterlichen Handelsstaat bis hin zur Industriestadt Venedig ein. Neben der Literatur kommen auch Malerei und Musik nicht zu kurz. So ist Judith Rübers Venedigbuch nicht nur ein literarischer Stadtplan, sondern auch ein kleiner Reiseführer. Daneben besticht es durch viele kleine Details: So erfahren wir etwa, dass eine Gondel aus 224 Teilen besteht, dass es heute nur noch von zwei Gondelstandplätzen aus möglich ist, in abgelegenere Gefilde vorzudringen, dass zu Venedig nicht nur die historische Altstadt gehört, dass der Dialekt Venexian ein sehr eigener ist, dass in Venedig auch Wein und Gemüse angebaut wird, und dass Vivaldi über 40 Opern geschrieben hat, die aber heute nur noch schwer aufzuführen sind, da Vivaldi sie für Kastraten komponierte.
Judith Rüber gelingt es, ein lebendiges und lebensfrohes Bild von Venedig zu vermitteln, wenn die Venedigkennerin auch bemängelt, dass die unter Venezianern sehr beliebten Weinpinten, die bàcari, in der Literatur zu wenig vorkommen. Über 70 Literaten und andere Quellen hat sie in ihrem Buch zu Wort kommen lassen. Da ist es schade, dass in dem Buch kein Personenregister, sondern nur ein Ortregister vorhanden ist. Das Lesen hätte auch erleichtert, wenn die zitierten Textpassagen vom übrigen Text abgehoben worden wären.
Autorenportrait:
Judith Rüber, 1959 geboren, hat nach dem Studium als Vertriebsleiterin in verschiedenen Verlagen gearbeitet. 1997 hat sie sich selbständig gemacht. Als passionierte Venedig-Liebhaberin pendelt sie zwischen München und dem Veneto.
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