Über das Glück
Briefe, Gedichte und Prosa aus „Klingsors letzter Sommer“
(mkb). Es empfiehlt sich, für eine Stunde das Telefonkabel aus der Buchse zu entfernen, auf dem Sofa die Füße hoch zu legen und dem Hörbuch „Über das Glück“ von Hermann Hesse zu lauschen. Sie werden mit einer Reise belohnt, die ihr Innerstes zu berühren vermag, in einer Zeit, die rastlos an uns vorbeizieht.
Die ersten 30 Minuten liest Hesse selbst. Der im Schwarzwald geborene Autor
setzt sich intensiv mit dem Begriff „Glück“ auseinander. In
Folge dieser philosophisch-literarischen Abhandlung kommt er zum Schluss, dass
Glück nur in einem Empfinden außerhalb von Raum und Zeit, also vorwiegend
in unserer Kinderzeit, möglich wird. Er holt einen strahlend blauen Sonntagmorgen
zurück, an dem der 10-jährige Hermann die Augen aufschlägt und
scheinbar ohne Grund zufrieden und glücklich ist. Und genau hier liegt
Hermann Hesses Zauber, dann, wenn er für uns einen abstrakten Moment in
Worte fasst, werden sie auch in uns lebendig. Er vollendet diesen Augenblick
des Glückes, gibt ihm den Anfang und das Ende, macht ihn vergänglich,
vergänglich wie das Leben.
Die Gedichte, die er als nächstes vorträgt, setzten dort an, wo er mit seiner Abhandlung über das „Glück“ geendet hatte: In der Vergänglichkeit. Sei es „In den Sand geschrieben“ oder in „Stufen“, immer wieder und immer neu legt er uns nahe, den Dingen ihren Lauf zu lassen, nicht festzuhalten, da „wunderbare Sachen“ nicht von Dauer seien – „denn das Dauerhafte, Starre / Ist uns nicht so innig teuer“ – jedoch „Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten / An keinem, wie an einer Heimat hängen“. Trockene Definitionen finden in Hesses Werk keinen Platz, und es wird deutlich, dass wir, um ihn auch verstehen zu können, von einem festen Weltbild abrücken sollten und uns auf neues Territorium wagen.
Den zweiten Teil in „Über das Glück“ liest Gert Westphal, steigt einfühlsam mit einem Brief des 15-jährigen Hermanns an seine Eltern in die Lesung ein. Verfasst in einer Nervenheilanstalt, getragen von Verzweiflung eines Gesunden unter Kranken und andeutend, dass Hesse mit dem nächsten Stück, mit „Klingsors letzter Sommer“, wohl eine literarische Bewältigung seiner Ängste und Zweifel in dem sterbenden Klingsor erschaffen haben könnte. Der Maler Klingsor, der noch in den letzten Zügen des Sommers mit verbissenem Eifer an einem Selbstbildnis arbeitet, welches seine vielen Gesichter offenbart. Ein Gemälde, das nicht sein Äußeres, sondern sein Gefühlsleben wiedergibt, entstanden fernab der Realität, in der Einsamkeit des Tessins. Dieses Hörbuch vereint all das, was Hermann Hesse ausmacht: Die Kunst, mit Worten die Herzen der Menschen zu erreichen.
„Über das Glück“ ist wahrlich ein Hörgenuss für
alle, die Hesse kennen und für alle, die Hesse kennen lernen wollen!
Autorenportrait:
Hermann Hesse, geboren 1877 in Calw, verdankt die deutsche Literatur des 20.
Jahrhunderts einige ihrer bedeutendsten Erzählungen. Für sein Gesamtwerk
wurde er vielfach ausgezeichnet, 1946 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.
Er verstarb 1962 im Tessin.
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