Tod eines Kritikers
Der kontrovers kritisierte Roman
(tmj). Stellen wir uns folgendes vor: In einem fernen Land hat ein Maler beim Erstellen seines neuesten Bildes angeblich eine verbotene Farbe benutzt. Dennoch wird nach langer Diskussion das Bild der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. So positiv diese letzte Tatsache auch sein mag, die Herangehensweise an das Bild ist für alle so überaus vorinformierten Interessenten festgelegt auf die Suche nach der verbotenen Farbe.
So mag es den meisten Lesern mit Martin Walsers neuem Roman „Tod eines Kritikers“ auch gehen: Hat er nun antisemitisch geschrieben? Oder hat er nicht? Und wieder haben unsere Medien schnell die Antwort parat: Nein, heißt es unisono, er hat nicht. Aber ebenso wird nachgeschoben, dass der Roman keine literarische Qualität habe und Martin Walsers schlechtestes Buch sei.
Noch mal zu unserer fiktiven Malergeschichte: Wer ein Bild nur nach einer verbotenen Farbe absucht, wird es mit einem ganz engen Fokus ableuchten, dabei zerstückeln und am Ende nicht mehr wissen, außer der Antwort auf die Frage: Hat er nun? Oder hat er nicht? Ein Bild als Kunstwerk wird sich einem auf diese Art nicht erschließen lassen, ein Roman auch nicht. Dieses Manko ist nicht Autor Martin Walser anzulasten, sondern einer teilweise hysterischen Massendebatte auf niedrigem Niveau.
Die Geschichte, die Martin Walser erzählt, ist durchaus reizvoll: Ein Starkritiker namens André Ehrl-König ist ermordet worden, und ein von ihm geschmähter Autor gerät in Verdacht, der Täter zu sein. Martin Walser, wahrlich lange genug im Geschäft, beschreibt recht genau die Verflechtungen von Macht, Medien und Marketing mit dem so genannten Literaturbetrieb. Er bringt seine Figur des Kritikers sprachlich und psychologisch exakt auf den Punkt: „Ehrl-König war alles durch Macht. Gut, die hatte er sich geschaffen. Aber er hätte sich, um erfahren zu können, wer er wirklich war, seiner Macht entledigen müssen. Dann hätte er erfahren, was die speichelleckenden Professoren und andere Armleuchter wirklich halten von ihm. So eine naiv idealistische Vorstellung: als gebe es zuerst ihn, dann die Macht als eine Zutat, eine Ergänzung, ein Schmuck. Er war nichts als eine Macht. Irgendwann wäre die zerfallen, und übrig geblieben wäre das Männlein mit einem etwas zu breiten Mund.“ An manchen Stellen hätte man Martin Walser mehr persönliche Distanz zum offensichtlich autobiographischen Thema gewünscht. Gepaart mit mehr Selbstironie und Humor, hätte so auch eine bissige Satire entstehen können.
Dennoch: Das Buch „Tod eines Kritikers“ sei allen Lesern empfohlen,
die überprüfen wollen, ob sie sich den eigenen unschuldigen Blick
und die Kritikfähigkeit für Kunst bewahrt haben oder, des eigenen
Denkens müde, von vorgefassten Massenmeinungen abhängig sind!
Autorenportrait:
Martin Walser wurde 1927 in Wasserburg geboren und lebt in Überlingen am Bodensee. Seit 1955 werden seine Werke im Suhrkamp Verlag veröffentlicht. Angeblich sollen in Walsers Notizbüchern seit 25 Jahren Einträge für das vorliegende Buch zu finden sein. Dies gilt als Indiz für die stark autobiographische Färbung seines fiktiven Mordes an dem Starkritiker, in dem die reale Person Marcel Reich-Ranicki deutlich erkennbar wird.
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Martin Walser
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Martin Walser Tod eines Kritikers Autorenlesung Mit einem Essay von Martin Lüdke Lido im Eichborn Verlag, Frankfurt am Main ISBN 3-8218-5239-9 4 CDs, Laufzeit 222 Minuten. Unverbindliche Preisangabe: € 29,90 (D) / € k. A. (A) / sFr 58,90
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