Terror im System
Der 11. September und die Folgen
(tj). Der Soziologie als Wissenschaftsdisziplin begegnen viele Menschen mit mindestens zwei Vorurteilen: Erstens kann man das sprichwörtliche „Soziologendeutsch“ sowieso nicht verstehen, und Zweitens ist am Ende an allem irgendwie die „Gesellschaft“ schuld. Auch wenn beide Vorwürfe im Kern einen Funken Wahrheit haben, sollte man sich bei der Lektüre des Buches „Terror im System“ darüber hinwegsetzen: Wenn man „die prinzipielle epistemologische Differenz der Funktionssysteme in Rechnung zu stellen“ habe, so ist eine solche Satzkonstruktion nicht typisch für das ganze Buch, dessen Botschaft dennoch verständlich wird. Trotzdem kommt ein gewisses soziologisches Wissen, speziell über die Systemtheorie, wie sie der deutsche Soziologe Niklas Luhmann mitentwickelt hat, dem Verständnis sehr entgegen.
Die Systemtheorie warnt letztlich vor einer „Reduktion der Komplexität“, was nichts anderes meint, als die Ablehnung einer stark vereinfachenden Sichtweise. Auf das Thema der Terroranschläge bezogen, besagt dies, dass die imperialistische Politik der USA ebenso wenig allein am Terror schuld ist, wie ein fanatischer Teil der islamischen Welt. Beides sind Aspekte des Systems „Welt“ und somit ist jeder Konflikt einer Partei mit einer anderen immer auch ein Konflikt mit den eigenen Anteilen.
So geht es in der Analyse „Terror im System“ auch weder um konkrete Personen wie Präsident Bush oder Osama bin Laden, noch um abstrakte Schuldzuweisung an ein Konstrukt „Gesellschaft“. Es werden vielmehr in mühevoller Kleinarbeit die oft sehr feinen Vorgänge herausgearbeitet, die uns Einzelmenschen mit Systemen verbinden und Systeme untereinander ebenfalls miteinander verschränken.
Deutlich wird auch, dass die Systemtheorie nicht das Rad neu erfindet, sondern altes Wissen neu und für uns zeitgemäß formuliert. Die Autoren greifen etwa in ihren Beiträgen auf Platon zurück oder geben Beispiele aus der anthropologischen Forschung archaischer Völker, um problematische Aspekte unserer heutigen Zeit zu erklären.
Einen Beitrag, der den skizzierten Rahmen etwas verlässt, möchte ich wegen der Besonderheit seiner Blickweise herausheben: Lloyd deMause stellt unter dem Titel „Die Ursprünge des Terrorismus in der Kindheit“ die Frage nach dem Männer- und Frauenbild in islamischen Ländern im Allgemeinen und in Familien von Terroristen im Besonderen. Was sich hier an bedrückenden und erschütternden Informationen darbietet, wirkt auch deshalb so schockierend, weil solche Themen wie etwa Genitalverstümmelung bei Frauen und rituelles Misshandeln von Kindern in unserer Medienwelt verschwiegen und verdrängt werden.
„Die nachfolgenden Analysen komplizieren die Lage daher bewusst“, verspricht Mitherausgeber Dirk Baecker im Vorwort. Wer sich dieser Herausforderung stellt, wird bei der Lektüre des Buches „Terror im System“ reichlich belohnt.
Herausgeberportrait:
Dirk Baecker, Prof. Dr., studierte Nationalökonomie und Soziologie an der Universität Köln und Paris-IX (Dauphine), Promotion und Habilitation an der Universität Bielefeld. Heute lehrt er Soziologie an der Fakultät für das Studium fundamentale an der Universität Witten/Herdecke.
Peter Krieg, vielfach ausgezeichneter Dokumentarfilmer und Publizist. Medienberater für die Weltausstellung Expo 2000 in Hannover.
Fritz B. Simon, Studium der Soziologie und Medizin, Psychoanalytiker und Systemtherapeut, Habilitation für Psychosomatik und Psychotherapie an der Universität Heidelberg, Professor für Führung und Organisation am Deutsche Bank Institut für Familienunternehmen der Universität Witten/Herdecke, Mitbegründer des Heidelberger Instituts für systemische Forschung, der Internationalen Gesellschaft für systemische Therapie (IGST) und des Carl-Auer-Systeme Verlags. Geschäftsführender Gesellschafter des Managementzentrums Witten (MZW).
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Dirk Baecker, Peter Krieg, Fritz B. Simon (Hrsg.) |
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