Kunst nach Ground Zero

Hat Gegenwartskunst noch Zukunft?

Kunst nach Ground Zero(tj). Im Angesicht der Katastrophe des 11. September 2001 fällt es zunächst schwer, an und über Kunst zu denken. Die kritisierte Bemerkung des Musikers Karlheinz Stockhausen vom „absoluten Kunstwerk“ mit Blick auf das kollabierende World Trade Center macht diese Aufgabe nicht leichter. Doch je mehr man sich in die vorliegende Anthologie „Kunst nach Ground Zero“ einliest, umso erstaunter stellt man fest, wie sprachlos zeitgenössische Kunst schon vor dem Attentat geworden war, und wie groß die Lücke ist, die dieses Schweigen gerissen hat.

Die Überschriften einiger Beiträge geben die tastenden Bewegungen der Autoren wieder: Man müsste „Das Unmögliche erfinden“, aber es kommt zum „Streik der Ereignisse“. Man heißt uns „Willkommen in der Wüste des Realen“. Aber auch die Verflechtung zwischen Kapital, Politik und Kunst wird thematisiert, und da geht es auch mal ganz pragmatisch zu: „Es gibt keinerlei Anlass für die Kunst, sich mit den Anschlägen gegen die Türme des World Trade Centers zu befassen“, heißt es da kategorisch, und das Kapitel über eine Analyse der möglichen Gründe für den Terror heißt: „Von Zero Tolerance zu Ground Zero“.

Die Widersprüchlichkeit der Gesetze des Kunstmarktes wird ein Spiegelbild für eine schräge Weltlage, zu der schon vor über dreißig Jahren der deutsche Philosoph Bloch sagte, es gäbe eben nichts Richtiges im Falschen. So bleibt der Leser dieses provozierenden Buches mitunter auch rat- und mutlos zurück. Vielleicht liegt das auch an einer menschlichen Grundkonstitution, die der französische Soziologe und Kulturtheoretiker Jean Baudrillard im Gespräch mit dem Herausgeber Heinz Peter Schwerfel so formuliert: „Man kann auf ein Ereignis nur mit einem Ereignis antworten, einem Analogon. Genau das verstehen die Leute gewöhnlich nicht, weil sie Erklärungen und Lösungen erwarten. Sie haben kein Bedürfnis nach einem poetischen Transfer des Ereignisses“.

Wer auf dem Hintergrund der Ereignisse des 11. September 2001 über die gesellschaftliche Bedeutung von Kunst nachdenken will, den wird das Buch „Kunst nach Ground Zero“ mit Sicherheit an- und aufregen.

Herausgeberportrait:
Heinz Peter Schwerfel lebt als freier Journalist und Filmemacher in Paris. 1998 und 1999 war er stellvertretender Chefredakteur des Kunstmagazins „art“. Es liegen diverse Bücher und Filmportraits über Künstler von ihm vor.

Kunst nach Ground Zero

Heinz Peter Schwerfel (Hrsg.)
Mit Beiträgen von Jean Baudrillard, Paul McCarthy, Claudia Herstatt u.a.
Kunst nach Ground Zero
Dumont Verlag, Köln
ISBN 3-8321-7188-6
1. Auflage, 224 Seiten, mit 12 farbigen Abbildungen, broschiert, Format 21 x 13,5 cm.
Unverbindliche Preisangabe: € 19,90 (D) / € k. A. (A) / sFr 35,90 (CH)

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