Kaffeehaus-Küsse

Ein Österreich-Lesebuch

Kaffeehaus-Küsse(fap). Satte 24 Geschichten hat der Reisejournalist und Herausgeber Holger Wolandt zusammengetragen, um Österreich in einem angenehmen Licht erscheinen zu lassen. Dabei schöpft er aus dem übervollen Fundus der Literaturgeschichte und der obersten Autorenriege. Man will gar nicht wahr haben, wer schon alles etwas zu Österreich, speziell Wien und seinen Kaffeehäusern, von sich gab.

Um die Sache historisch anzugehen, hat sich Autor Rolf Schneider die Mühe gemacht, jenseits der gern erzählten Mythen die Wahrheit auszuloten: Denn der Kaffee kam nicht über die Türken und einen kaufmännischen Spion namens Kolschitzky nach Wien, wie viele Fremdenführer einem weismachen wollen. Nein, viel schnöder, fand er über Italien den Weg nach Europa und eben auch nach Wien. Neben allerlei Informationen rund um die Kaffeehäuser und Kaffeesieder vermittelt Rolf Schneider unauffällig geschichtliches und amüsantes.

Mehr aus dem Blickwinkel des normalen Touristen wagt sich der amerikanische Reisejournalist Bill Bryson in die Alpenrepublik. Mit seiner herrlich entlarvenden Beobachtungsgabe bringt Bill Bryson nicht nur viel Witz in seine Erzählung ein, er teilt auch oft verblüffende Details mit. Das macht ihn so liebenswert.

Nicht fehlen darf natürlich Graham Greenes Erzählung „Der dritte Mann“ und sofort hat man die kongeniale Zithermelodie im Kopf, die Anton Karas für den gleichnamigen Film mit Orson Welles und Joseph Cotten komponierte. In Vergessenheit gerät dabei oft die eigentliche Geschichte, die sich um die Schiebereien in den alliierten Bezirken der besetzten Stadt Wien nach dem Zweiten Weltkrieg dreht. Herausgeber Holger Wolandt hat daran anschließend sehr schön den Reisebericht von Gabriel García Márquez angeschlossen. Der berühmte Autor hatte sich aufgrund des Films von Sir Carol Reed ein ganz eigenes Bild der Stadt erdacht. Und nun prallt er in einer kalten Septembernacht mit den knorrigen Österreichern zusammen. Zunächst in Form von Taxifahrern, die kein Wort Englisch sprechen. Von da aus nimmt die weitere Katastrophe ihren Lauf.

Im weiteren Verlauf der Geschichten versteht es der Herausgeber geschickt, die Geschichten in Bezug zueinander aneinander zu reihen. So folgt auf einen Ausschnitt Franz Grillparzers ein Kapitel aus John Irvings „Garp und wie er die Welt sah“ mit dem Titel „Die Pension Grillparzer“. Das und die Ausgewogenheit der Geschichten werden der Vielschichtigkeit Österreichs mehr als gerecht. Die kurzen Stories geben äußerst vielfältige Eindrücke wieder, die den Leser dazu animieren, selbst einmal in dieses Wunderland in den Alpen einzutauchen. Erstaunlich, dass der Herausgeber aus Schweden heraus eine so stimmige Sammlung koordinieren konnte. Vielleicht vermittelt die Entfernung mehr Nähe zu der Republik als es inmitten des pulsierenden Lebens der Kaffeehäuser möglich gewesen wäre. Wie auch immer, der Querschnitt durchs Land macht Appetit auf mehr. Schümli, bitte.

Herausgeberportrait:
Holger Wolandt wurde 1962 in Würzburg geboren und studierte in München Nordistik, Anglistik und Germanistik. Heute lebt er als Reisejournalist und Übersetzer mit seiner Familie in Schweden: Im Sommer in einem gelbgestrichenen Holzhaus an einem See in Sörmland, im Winter in Stockholm.

Kaffeehaus-Küsse

Holger Wolandt (Hrsg.)
Kaffeehaus-Küsse
Ein Österreich-Lesebuch
Knaur Verlag, München
ISBN 3-426-61337-9
396 Seiten, Taschenbuch.
Unverbindliche Preisangabe: € 8,90 (D) / € k. A. (A) / sFr 15,90

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