Kaffee
Wie eine Bohne die Welt veränderte
(tmj).
Die erste Frage, die der Rezensent sich stellte, war folgende: Kann ein passionierter
Teetrinker überhaupt ein Buch über Kaffee besprechen? Eine weitere
Frage: Kann dieses Buch auch für andere Kaffeeabstinente von Interesse
sein? Beide Fragen können mit „Ja“ beantwortet werden. Auch
wenn der Titel des Buches schlicht „Kaffee“ lautet, es geht dabei
um viel mehr.
Es ist ein bisschen wie beim bekannten Bild, dass die Chaostheorie illustriert: Wenn der Schmetterling mit seinem Flügelschlag auf der anderen Erdhalbkugel einen Sturm auslöst, lässt sich dies in gewissem Sinne vom Kaffee auch behaupten. Wenn sich dabei einer auskennt, dann Autor Mark Pendergrast. Man spürt, dass dieser Mann Kaffee liebt und lebt: Jahrelang reiste er durch Kaffeeländer, war selbst als Kaffeepflücker tätig und führte über 250 Interviews. Ferner wühlte er sich durch die gesamte relevante Literatur. Dennoch spart der Autor nicht an Anekdoten, die eine unterhaltsame Lektüre gewährleisten.
Das Werk, in den USA bereits 1999 erschienen, wurde jetzt von Stephan-Alexander Ditze ins Deutsche übersetzt und vom Autor für den europäischen Markt ganz neu überarbeitet. So erfahren wir auch überraschende Details über den europäischen Kaffeemarkt: Hätten Sie gedacht, dass der jährlich höchste Pro-Kopf-Verbrauch mit 28 Pfund Kaffee in Finnland registriert wird? Doch auch die Deutschen schrieben Kaffeegeschichte: Die Wiedervereinigung holte die Kaffeebranche aus einer tiefen Flaute. Der Kaffee in der ehemaligen DDR war so schlecht, dass sich nach dem Mauerfall ein gigantischer Markt auftat. Alte Stasi-Akten ließen es noch deutlicher offenbar werden: Jedes Jahr wurden rund sieben Tonnen Kaffee routinemäßig aus der BRD an Freunde und Verwandte in die DDR geschickt.
Die ausführlichen Bilderteile halten neben schönen Abbildungen über Kaffeeplantagen, Röstverfahren und Werbekampagnen auch Kuriositäten bereit: 1674 wenden sich die Londoner Frauen mit Flugblättern gegen den Besuch von Kaffeehäusern durch ihre Männer (ihnen selbst war der Besuch verboten) mit dem Argument, der Kaffee schwäche die Manneskraft. Die gedruckte Antwort der Männer ließ nicht auf sich warten: Kaffee mache „die Erektion kraftvoller (…) und fügt dem Sperma eine geistige Komponente zu.“
Das Buch schließt mit einer mehr als dreiseitigen Beschreibung, wie man eine wirklich gute Tasse Kaffee zubereitet. Spätestens hier lernt der Teetrinker, dass auch der Kaffee seine schönen Zubereitungsrituale haben kann ja, vielleicht hat er bisher noch nie guten Kaffee getrunken.
„Kaffee Wie eine Bohne die Welt veränderte“ ist einfach die Bibel für alle weltoffenen und auch politisch interessierten Kaffeefans und solche, die es noch werden wollen!
Autorenportrait:
Mark Pendergrast, geboren in Atlanta, studierte an der Harvard Universität.
Als Wirtschaftsjournalist schreibt er für zahlreiche Magazine und Zeitungen.
Er lebt in Vermont.
© Copyright by: Public Dialog Hamburg