Die Bibliothek
44 Bücher, die man gelesen haben muss
(tmj).
Dem Buch „Die Bibliothek“ kann man sich auf unterschiedliche Art
und Weise nähern: Wer wissen will, wie der Autor Hugo Pruys ein solches
Buch begründet und seine Auswahl von 44 literarischen, philosophischen
und kulturtheoretischen Werken rechtfertigt, der fängt klassisch ganz vorne
an. So erfährt der Leser etwas über den Mut, einen solchen Kanon von
Texten vorzuschlagen. Leben wir doch in Zeiten fast zwanghafter Individualität
und Freiheit, alles soll möglich sein, alles ist erlaubt. Kanon meint aber
eben nicht nur Maßstab, Richtschnur oder Glaubensregel: Nach heutigem
Verständnis ist es immer ein stetiger und offener Prozess, der auch neuen
Werken die Aufnahme ermöglicht oder Klassiker wieder ausschließt.
Beim gesungenen Kanon wird eine kleine Harmonie ständig versetzt wiederholt
und in Harmonie beendet – für Literatur bedeutet das die Suche nach
den Urthemen der Menschheit, die in ständig neuen, der jeweiligen Zeit
entsprechenden Varianten immer wieder neu erzählt werden.
Wer gerne Persönlichkeitstests mitmacht, die es in vielen Zeitschriften so gibt (etwa nach dem Motto „Sind sie literarisch gebildet?“), beginnt gleich auf Seite 33: Hier werden die 44 Titel genannt, die Hugo Pruys für unverzichtbar hält. Vielleicht stellt der Leser dann wie der Rezensent fest, dass er nicht mal ein Viertel dieser Bücher gelesen hat und kaum die Hälfte der Titel vom Hörensagen kennt. Frustriert? Kein Grund, denn so hat man noch über 30 Bücher vor sich, auf die man sich freuen und mit Lektüre dieses einen Buches optimal vorbereiten kann.
Man kann auch die letzten dreihundert Seiten durchblättern und mitten hineinspringen in die interessant gestalteten Portraits: Natürlich sind Seneca, Goethe, Schopenhauer und Heine dabei. Aber Karl Hugo Pruys ist für Überraschungen gut: So ist Friedrich Nietzsche zwar vertreten, aber mit dem eher unbekannten Werk „Morgenröte“. Dagegen fehlt „Ulysses“ von James Joyce, mit dem die meisten Literaten fest gerechnet hätten. „Das Tagebuch der Anne Frank“ wiederum ist in diesem Kontext eine ungewöhnliche Wahl. Aber der Autor will eben auch nicht belehren und gar Vorschriften machen, sondern anregen und Orientierungshilfe geben.
Die Idee für das Buch „Die Bibliothek“ entspringt einer sehr persönlichen Begebenheit: Karl Hugo Pruys berichtet von seinem Großonkel, der sterbenskrank ins Krankenhaus muss. Der sehr belesene Mann nimmt aus seiner umfangreichen Bibliothek 44 Bücher mit, seine Lektüre und sein Leben enden beim Lesen der „Psalmen“ aus der Heiligen Schrift, mit denen der Autor wiederum seine Portraits beginnt.
Für alle Literaturinteressierten ist „Die Bibliothek“ ein unterhaltsames,
spannendes und lehrreiches Kursbuch durch die Welt der Literatur, Philosophie
und Kulturgeschichte, dessen erste Auflage übrigens innerhalb von drei
Monaten vergriffen war!
Autorenportrait:
Karl Hugo Pruys, geboren 1938, ist Herausgeber der kommunikationswissenschaftlichen
Werke „Wörterbuch zur Publizistik“ und „Handbuch der
Massenkommunikation“. In weiteren Büchern schrieb er über Johann
Wolfgang von Goethe und das Leben verschiedener Politiker. Im Mittelpunkt seines
Schaffens stehen seit Mitte der 90-er Jahre sprachkritische Arbeiten.
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