Die badischen Regionen am Rhein
50 Jahre Baden in Baden-Württemberg – Eine Bilanz
(tj). Unter strittigen Bedingungen, die im vorliegenden Buch „Die badischen Regionen am Rhein“ genau rekapituliert werden, wurde 1951 der Südwestdeutsche Raum neu gegliedert: Das kleine frühere Land Baden ging in einer „Fusion“, wie man heute sagen würde, in dem mit Württemberg neu gebildeten deutschen Bundesland auf. Das Badische Tagblatt zeigte in einer Karikatur vom 23.9.1950, also vor dem Zusammenschluss, eine riesige robuste Frau mit Teppichklopfer (Württemberg) und einen kleinen vor Angst schlotternden Mann (Baden) und unkte in der Bildunterschrift: „Lieber ledig als schlecht verheiratet!“
Das Ergebnis der vorliegenden Studie „Die badischen Regionen am Rhein“ zeigt nun, dass Baden mit dem Bündnis so schlecht nicht gefahren ist. Als 1970 wegen der rechtlichen Mängel des Zusammenschlusses eine erneute Volksabstimmung im früheren Baden gemacht wurde, entschieden sich 81,93% der Badener für den Verbleib im gebildeten Bundesland Baden-Württemberg. Diese Bilanz wird untermauert von über 50 Beiträgen, geschrieben von Autoren mit unterschiedlichsten Professionen: Hochschulprofessoren, Verwaltungswirte, Kulturreferenten, Regierungspräsidenten, Bürgermeister und andere sind vertreten.
Was nun kommt, ist natürlich recht speziell und mitunter knochentrocken: Es geht um Rechtswesen, Schulwesen, die Evangelische Landeskirche, die Verkehrsinfrastruktur. Das Ganze ist garniert mit vielen Quellenbelegen, mit Schaubildern und Tabellen. Auch historische Stoffe werden präsentiert, etwa das „Badische Polizeiwesen unter Besatzungsregime (1945 – 1952)“. Über diesen regionalen Bezug hinaus interessant ist der mit „Bilanzierung“ überschriebene Fünfte Teil: Er belegt, dass aus der früheren Feindseligkeit eine Konkurrenz geworden ist, die dem neuen Land in allen Belangen nutzt.
Entscheidend scheint aber zu sein, dass eben kein „Badenwürttemberger“- Bewusstsein dafür verantwortlich ist. Ein gewisser immer noch vorhandener Regional-Lobbyismus scheint Garant dieses Erfolges zu sein und wird daher in Kauf genommen. Wichtig für die Zukunft scheint aber auch die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Sinne eines geeinten Europa zu sein.
Genannte Thematik ist nicht nur eine Provinzposse, sondern letztlich weltweit aktuell: Man denke an die Flamen und Wallonen im Land Belgien oder an das Land Schweiz mit seinem italienischen, französischen und deutschen Teil. Sind diese Länder Beispiele für eine ebenfalls gelungene staatliche Kooperation zwischen unterschiedlichen und teilweise problematisch differierenden Subkulturen, so gibt es weltweit genug Beispiele für ein Nichtgelingen: Irland, Korea und Vietnam fallen spontan ein oder die separatistischen Basken in Spanien. Auch bei uns ist die Frage, wie Integration von ausländisch abstammenden Mitbürgern bei Wahrung der kulturellen Eigenheiten möglich ist, ein entscheidendes Thema der Zukunft.
Die Studie belegt auch die für das Alltagsbewusstsein paradox anmutende soziologische These, das der Wunsch nach Unterscheidung eines der tiefsten menschlichen Bedürfnisse ist, dass eher zur friedlichen Kooperation beiträgt als das Herstellen von Gemeinsamkeiten.
Das Buch „Die badischen Regionen am Rhein“ ist ein Muss für badische Patrioten, ansonsten für Spezialisten, denn es bietet viel Material für Diplom- oder Doktorarbeiten und andere wissenschaftliche Studien, das Thema aber ist universell und geht uns alle an.
Herausgeberportrait:
Paul-Ludwig Weinacht wurde 1938 in Freiburg geboren. Er studierte Germanistik, Politikwissenschaften und Romanistik und ist heute Universitätsprofessor in Würzburg.
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Paul-Ludwig Weinacht (Hrsg.) |
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