Der dressierte Leib

Kulturgeschichte des Balletts (1580 – 1870)

Der dressierte Leib(tmj). Die chinesischen Weisen sprechen von den fünf Würden der Menschen: Liegen, Sitzen, Stehen, Gehen und Tanzen. Die fünfte Würde, das Tanzen, ist nach Meinung der Autorin Dorion Weickmann im klassischen Ballett stark verletzt worden. „Und wenn Du denkst, nur Männer könnten kastriert werden, dann warte bis Du siehst, was manche Lehrer Frauen antun.“ – so lautet ein Zitat, das Dorion Weickmann einem Kapitel ihres Buches „Der dressierte Leib“ voranstellt, wobei mit Lehrern die Tanzlehrer des klassischen Balletts gemeint sind.

Dorion Weickmann stellt sich mit ihrer Untersuchung vor allem in die Tradition der Theoretiker und Sozialwissenschaftler Norbert Elias und Michel Foucault. Die Beschreibung der Entwicklung des klassischen Balletts illustriert stellvertretend die Geschichte eines gesellschaftlichen Prozesses: Durch zunehmende Demokratisierung in Europa nahm die Gewaltwillkür früherer Feudalherrschaften ab. Die Menschen wurden aber nicht unbedingt freier, die Kontrolle etwa über menschliche Affekte wird jetzt subtiler ausgeübt und den Menschen in einem sozialen Prozess als erwünschte Selbstdisziplinierung einverleibt. Die Dressur der Körper findet aber nicht nur in Gefängnissen oder ähnlichen Institutionen statt, wie von Michel Foucault ausführlich beschrieben, sondern sickert auch in kulturelle und ästhetische Bereiche.

In ihrer sehr gut recherchierten Studie (allein die Quellen- und Literaturnachweise umfassen fast dreißig Seiten) geht Dorion Weickmann genau dieser Thematik innerhalb der kulturgeschichtlichen Geschichte des klassischen Balletts nach. Dabei stellt sie etwa in zwei Exkursen zwei Tänzerinnen beispielhaft gegenüber: Marie Taglioni (1804 – 1884), die als „Engel“ bezeichnet wird, und auf der anderen Seite die „Versuchung in Person“, Fanny Elssler (1810 – 1884).

Aber nicht nur unterschiedliche Frauentypen, auch das Verhältnis zwischen den Geschlechtern wird thematisiert: „Der Mann ist ein besserer Koch, ein besserer Maler, ein besserer Musiker, Komponist. Der Mann (...) ist alles. Der Mann ist stärker, schneller. Warum? Weil wir Muskeln haben und so gebaut sind. Und die Frau akzeptiert das. Es ist ihre Aufgabe, das zu akzeptieren. (...) Im Ballett aber steht die Frau an erster Stelle. Überall sonst ist es der Mann. Aber im Ballett, da ist es die Frau.“ Dieses Zitat stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Es zeigt sich aber, dass die Macher des Balletts, die Lehrer und Theaterdirektoren, überwiegend Männer waren und sind. Und es waren die Männer im Publikum, die ein bestimmtes Frauenbild bestätigt haben wollten.

Im Ausklang blickt Dorion Weickmann bis in unsere Zeit. So erwähnt sie etwa die Autobiographie von Gelsey Kirkland, Primaballerina des New York City Ballet, die 1986 erschien. Dabei geht es um in Tänzerinnenkreisen weit verbreitete Probleme wie Magersucht, Drogenabhängigkeit, Deformation der Persönlichkeit oder Unfähigkeit zu Beziehung jenseits von Hörigkeit.

Am Ende des Buches „Der dressierte Leib“ wird man klassisches Ballett mit anderen Augen sehen und möglicherweise keine Freude mehr daran haben. Für alle an sozialpsychologischen Studien auf hohem intellektuellem Niveau Interessierten wird dieses Buch aber nicht nur über klassisches Ballett, sondern über die Wurzeln heutiger Macht- und Geschlechterverhältnisse viel zu sagen haben.

Autorenportrait:
Dr. phil. Dorion Weickmann studierte Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Hamburg. Sie lebt als Autorin und Journalistin in Berlin.

Der dressierte Leib

Dorion Weickmann
Der dressierte Leib
Kulturgeschichte des Balletts (1580 – 1870)
Campus Verlag, Frankfurt am Main
ISBN 3-593-37111-1
398 Seiten, mit 8 s/w-Abbildungen, Broschur.
Unverbindliche Preisangabe: € 39,90 (D) / € 41,10 (A) / sFr 66,70

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