Das Wiener Kaffeehaus
Die wichtigsten Wiener Cafés im Spiegel der Literatur
(ts). „Das Kaffeehaus ist das Laster des Wieners“, schrieb Otto Friedlaender. Jeder Wiener hat sein Kaffeehaus, in dem er Stammgast ist. Stammgäste waren immer auch die Schriftsteller. Ob sie sich im „Café Griensteidl“, im „Café Central“, „Herrenhof“, „Hawelka“, im „Café Museum“, „Imperial“ oder im „Café de l’Europe“ trafen: Im Kaffeehaus wurden literarische Talente entdeckt, da wurde definiert, zelebriert und diskutiert. Ach ja: Und Kaffee trank man natürlich auch. Kurt-Jürgen Heering hat in seiner Anthologie Texte zusammengestellt, die das Flair der Wiener Kaffeehäuser aufleben lassen und nach den beschriebenen Cafés sortiert sind, so dass der Leser sich schnell zurechtfindet. Die Anthologie enthält Texte von Stefan Zweig, Karl Kraus, Alfred Polgar, Franz Werfel, H. C. Artmann und André Heller allerdings nicht von Joseph Roth, wie es auf der Buchrückseite zu lesen ist. Zahlreiche historische Abbildungen zeigen Ansichten der Kaffeehäuser.
Welch immense Bedeutung die Kaffeehäuser für die Schriftsteller hatten, schildert Stefan Zweig. Das Kaffeehaus war der Ort, an dem sich das literarische Leben abspielte. Nicht nur dass dort die wichtigsten nationalen und internationalen Gazetten auslagen, es tummelten sich dort auch die bedeutendsten Nachwuchsschriftsteller zum Beispiel das „junge Wien“ mit Arthur Schnitzler, Hermann Bahr, Richard Beer-Hofmann, Peter Altenberg und Hugo von Hofmannsthal.
Karl Kraus schrieb mit seinem Aufsatz „Die demolirte Literatur“ einen mit zahlreichen Seitenhieben versehenen Nachruf auf das „Café Griensteidl“ und befürchtete, der Literatur drohe nach dem Abriss des Gebäudes fortan die Obdachlosigkeit. Doch Kaffeehäuser gab es genug und so traf man sich eben in einem anderen, dem „Café Central“. Hier waren auch Alfred Polgar, Egon Friedell und Oskar Kokoschka zuhause. Nach dem Ersten Weltkrieg öffnete das „Café Herrenhof“ und bot Franz Werfel, Hermann Broch, Robert Musil und Joseph Roth eine zweite Heimat. Das Kaffeehaus war immer auch Treffpunkt. Wer neu in die Stadt kam, ging ins Kaffeehaus. Das taten ab 1933 natürlich auch die Emigranten: Bert Brecht, Walter Mehring, Oskar Maria Graf, aber auch Trotzki war im Kaffeehaus zu finden.
Freilich haben die Kaffeehäuser ihre Unterschiede: Im einen treffen sich vor allem Künstler, im anderen sind’s die Literaten. Im einen ist das Mobiliar gutbürgerlich, das andere wirkt eher schlicht. Und natürlich die Kellner nicht zu vergessen! Sie geben dem Café erst das richtige Flair. Der Kellner kennt die Besucher natürlich mit Namen. Bei ihm kann man sich ausweinen und auch mal Geld pumpen. Natürlich bedient in einem Kaffeehaus keine Kellnerin, sondern ein Kellner im traditionellen schwarzen Anzug. Sowieso war das Kaffeehaus zunächst eine Männerdomäne, Frauen kamen selten, und wenn dann meist in Begleitung. Und ein richtiges Kaffeehaus hat bis weit nach Mitternacht geöffnet. Inzwischen haben sich diese Zeiten geändert. Auch die Sitzkassiererin gehört vergangenen Zeiten an.
Was macht nun das Kaffeehaus aus? Nicht nur für das „Café Central“ dürfte gelten, was Alfred Polgar schrieb: „Das Café Central ist nämlich kein Caféhaus wie andere Caféhäuser, sondern eine Weltanschauung“.
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Kurt-Jürgen Heering (Hrsg.) |
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