Bis heute abend
Es gibt kein Vergessen Der Verlust des Kindes
(bhs).
Schreiben ist Therapie, so heißt es. Und wahrlich – ohne therapeutisch
zu wirken – ist „Bis heute abend“ das unsentimentale „Überleben
durch ein Wortbad.“ Einzig die Möglichkeit, Emotionen in Worte zu
verpacken, lässt die Autorin Laure Adler, aus dem Französischen von
Christiane Seiler übersetzt, mit der Vergangenheit umgehen – niemals
jedoch abschließen.
Auf den Tag genau 17 Jahre nach dem Tod ihres Sohnes, verursacht Laure Adler fast einen Unfall. Der Angstschweiß lässt die allgegenwärtige Erinnerung noch lebendiger werden. Alle Gefühle, Erlebnisse werden erneut durchlebt, der „Text drängt sich ihr auf“ – niedergeschrieben „in nur einer Nacht“, ein Stück weit atemlos, weniger geschrieben, als im Rausch herausgelassen. Schonungslos, sensibel und von bestechender Nähe zeigt sie Trauer und Verzweiflung, ohne dabei selbstmitleidig zu wirken, Tragik, ohne gefühlsduselig zu sein. Es ist nicht die Frage des sich Einlassens: Man fühlt die Worte, durchlebt die Schwangerschaft, die überraschend und unverhofft eintritt, die Glücksmomente, bis hin zur Hilflosigkeit angesichts eines totkranken Kindes. Die Unfähigkeit Worte zu finden, den Ärzten Fragen zu stellen, wird real angesichts haarsträubender und herzzerreißender Beschreibungen der Atmosphäre. Menschliches wie unmenschliches findet sich mal in bildlichen, literarisch anmutenden Worten, dann eher Wortfragmenten.
„Bis heute abend“ ist die Geschichte der Autorin, die den Verlust ihres Kindes alltäglich spürt, dem Strom des Lebens durch ihre Existenz ausgeliefert ist, verdammt zu einem Weiterleben ohne noch sie selbst zu sein. Eine Hülle Mensch, die mechanisch ihren Weg geht, inmitten einer Leere, die nur partiell verblasst, wenn Gefühle Worte finden: Es gibt kein Vergessen.
„Bis heute abend“ birgt Atemlosigkeit im Titel, die Relation des Lebens in Wahrnehmung und Endlichkeit, den Kreislauf und zugleich auch den Rausch der Gefühle, der den Leser packt und ihn den Drang entwickeln lässt, dieses Buch erst dann erschöpft aus der Hand zu legen, wenn es gelesen ist.
Autorenportrait:
Laure Adler wurde 1950 in Caen geboren und lebt in Paris. Nach der Promotion begann sie ihre Karriere als Journalistin. 1990 wurde sie Kulturbeauftragte des Elysée unter Mitterrand. Heute leitet sie den Radiosender „France Culture“. Sie hat einige Bücher zu Frauen in Geschichte und Gesellschaft geschrieben. „Bis heute abend“ ist ihr erster literarischer Titel.
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Laure Adler Bis heute abend Aus dem Französischen von Christiane Seiler btb im Goldmann Verlag, München ISBN 3-442-73135-6 144 Seiten, Taschenbuch, Format 11,8 x 18,7 cm. Unverbindliche Preisangabe: € 7,50 (D) / € k. A. (A) / sFr 14.- Buch bestellen. |
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